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Hereditäres Angioödem

Über Schwellungen, Gendefekte und Trigger-Faktoren

Closeup of dermatologist examining mole on hand of female patient in clinic
Closeup of dermatologist examining mole on hand of female patient in clinic
iStock/kudryavtsev

In Österreich ist das Hereditäre Angioödem bei 140 Menschen diagnostiziert. Ao. Univ.-Prof. Dr. Birger Kränke vom LKH-Univ. Klinikum Graz klärt im Interview über diese seltene Erkrankung auf, die mit großflächigen Schwellungen der Haut einhergeht.

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Ao. Univ.-Prof. Dr. Birger Kränke

Dermatologie, Uniklinikum Graz © Foto: LKH -Univ. Klinikum Graz

Die wenigsten LeserInnen werden vermutlich schon von einem hereditären Angioödem gehört haben. Was ist das eigentlich und welche Symptome verspüren betroffene PatientInnen?

Ein hereditäres Angioödem, auch mit „HAE“ abgekürzt, ist angeboren (vererbt) oder entsteht im Rahmen einer Spontanmutation. Angioödem bedeutet, dass es zu ausgeprägten, teils entstellenden Schwellungen tiefer liegender Schichten der Haut und des Unterhautgewebes kommt. Dies muss man beispielsweise von der viel häufiger vorkommenden Urtikaria, dem Nesselauschlag, unterscheiden, die nur die oberen Hautschichten betrifft. Das Angioödem geht mit einem im Vergleich wesentlich größeren Wasseraustritt aus den Blutgefäßen einher und führt so zu einer lokalen Wasseransammlung im Gewebe, die meist ein bis drei Tage anhält. Das führende Symptom bei einem HAE ist nicht Juckreiz, wie bei der Urtikaria, sondern ein dumpfes Gefühl, ein dumpfer Schmerz – ähnlich der Folgewirkung einer Spritze beim Zahnarzt.

Wie häufig kommt ein HAE vor? Bestehen hier Unterschiede zwischen Männern und Frauen bezüglich der Häufigkeit?

Das HAE wird aktuell in drei Typen unterteilt: HAE 1, 2 und 3, wobei die Erkrankungen in Österreich mit einer Häufigkeit von ca. 1: 50.000 vorkommen. Die häufigeren Formen sind die Varianten HAE 1 und HAE 2, für die es zahlenmäßig keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. Diesen beiden Typen liegt ein Konzentrationsdefizit bzw. Funktionsdefekt des in der Leber produzierten C1-INH zu Grunde. Früher glaubte man, dass das noch deutlich seltenere HAE 3 nur Frauen betrifft. Mittlerweile kennen wir aber auch schon einige Männer mit diesem Typ.

Wie schwierig ist es, zu einer Diagnose zu kommen? Gibt es vielleicht ähnliche Erkrankungen, die unter Umständen zu Fehldiagnosen führen können?

Es gibt eine Vielzahl an Erkrankungen, die mit Schwellungen einhergehen. Denn es gibt nicht nur das hereditäre Angioödem, sondern auch Angioödem-Varianten, die etwa durch Medikamente erworben sind. Diese sind vom klinischen Bild her sehr ähnlich, kommen aber viel häufiger vor und sind auch anders zu therapieren. Für nicht speziell geschulte ÄrztInnen ist eine Unterscheidung leider nicht leicht. Im Unterschied zu anderen Erkrankungen treten Schwellungen beim HAE meist nur an einer Körperstelle auf. Betroffen können beispielsweise die Genitalien, Hände, Wangen, Lippen, die Zunge oder das Gaumenzäpfchen sein. Letzteres kann sogar zu Erstickungsanfällen führen. Das Problem in der Akutsituation ist, dass diese Art von Schwellungen auch durch bestimmte Blutdruckpräparate oder Schmerzmittel ausgelöst werden können – und das kommt hundertmal so häufig vor wie das HAE.

Gibt es Zustände oder Tätigkeiten, die die Symptome verschlimmern, und wenn ja, inwiefern können diese vermieden werden?

Ja, es gibt gewisse Trigger-Faktoren. Zu den klassischen zählen vor allem weibliche Geschlechtshormone. Das heißt, dass vom HAE Typ 3 betroffene Frauen keine östrogenhaltigen Hormonpräparate, das heißt auch keine östrogenhaltige hormonelle Empfängnisverhütung, erhalten dürfen. Darüber hinaus ist es ganz wichtig, dass psychischer Stress vermieden wird. Aber auch ausgeprägte Infektionen und physikalische Traumata können bei HAE-PatientInnen zu Symptomen führen. Solche Traumata können etwa ein kieferchirurgischer Eingriff, eine HNO-Operation oder auch eine Operation im Bauchraum sein. Durch den mechanischen Reiz werden Entzündungsreaktionen im Körper ausgelöst, die wieder starke Aktivatoren für das HAE sind.

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Welche Therapiemöglichkeiten kennt die Medizin für das HAE heute?

Wenn ein Erst- bzw. Akutereignis auftritt, sollte man als ÄrztIn aufgrund der Seltenheit nicht primär an ein hereditäres Angioödem denken, sondern an ein durch Medikamente oder durch einen Insektenstich ausgelöstes Ödem. Ist allerdings ein HAE 1 oder 2 bekannt, spielt der Botenstoff Bradykinin eine wesentliche Rolle – so wie auch bei den durch bestimmte Blutdruckmedikamente verursachten Angioödemen. In Notfällen verabreichen wir daher über subkutane Injektionen einen Bradykinin-Antagonisten, bei bekannten HAE-PatientInnen des Typs 1 und 2 auch sogenannte C1-INH-Konzentrate.

Vor Jahrzehnten hat man PatientInnen zur Dauerprophylaxe noch männliche Geschlechtshormone verschrieben. Diese Therapie hatte allerdings gewisse Nebenwirkungen, wie etwa gutartige Lebertumore. Daher werden seit einigen Jahren die C1-Inhibitor-Konzentrate prophylaktisch eingesetzt. Damit versucht man dem Körper dabei zu helfen, den dem HAE zugrunde liegenden Defekt zu ersetzen. Diese Konzentrate werden PatientInnen ein bis zweimal pro Woche verabreicht, um die Konzentration des C1-Inhibitors so auf einem vernünftigen Level zu halten.

Welche Entwicklung in der Medizin und Forschung können eine zusätzliche Verbesserung der Situation bedeuten?

Es gibt aktuell sehr viel Projekte, die sich auch mit gentechnischen Methoden beschäftigen. Da der C1-INH-Defekt monogenetisch bedingt ist, handelt es sich um ein hoffnungsvolles Gebiet für die Gentherapie. Aktuell gibt es bereits im Mausmodell positive Berichte, dass für HAE 1 und HAE 2 mit einem Genvektor (über ein Virustransportsystem) korrekte Sequenzen in die betroffenen Leberzellen eingeschleust werden können. Das heißt, dass in Zukunft möglicherweise ein adäquater C1-INH-Aktivitätslevel in HAE-PatientInnen mittels Gentechnik erzielt werden kann.

Wissenswertes

Ein bedeutender Anteil der Angioödem-Attacken betreffen die Schleimhäuteder inneren Organe. Die Attacken sind wiederkehrend mit kolikartigen Schmerzen, Übelkeit, Durchfall und Erbrechen. Vor allem bei Kindern und Jugendlichen mit diesen Symptomen denkt man in der Regel nicht an ein Hereditäres Angioödem. Nicht selten erhalten Betroffene die Diagnose erst nach Jahren und werden zwischenzeitlich oft mehrfach operiert, weil die Ursache – HAE – unerkannt ist.


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