Dr.in med. Tadeja Urbanic Purkart, Leiterin der Neuroonkologischen Ambulanz der Medizinischen Universität Graz, erklärt, worauf es bei der Diagnose und Behandlung der seltenen Gehirntumoren ankommt.

Univ.-FÄ Dr.in med. Tadeja Urbanic Purkart
© ZVG
Leiterin der Neuroonkologischen Ambulanz,
Universitätsklinik für Neurologie, Medizinische Universität Graz
Was ist ein diffuses Gliom, und was bedeutet die Diagnose für Betroffene?
Gliome sind eine heterogene Gruppe primärer Hirntumoren, die aus Gliazellen, den Stützzellen des Gehirns, oder deren Vorläuferzellen hervorgehen. Man unterscheidet umschriebene, klar abgegrenzte Gliome, die überwiegend im Kindesalter auftreten und häufig vollständig operativ entfernt werden können, von den sogenannten diffusen Gliomen. Zu den diffusen Gliomen des Erwachsenenalters zählen Astrozytome, Oligodendrogliome und Glioblastome. Sie wachsen infiltrativ in das umliegende Hirngewebe ein, lassen sich daher meist nicht vollständig entfernen und begrenzen die Lebenszeit in Abhängigkeit vom Grad der Entartung. Die Diagnose diffuser Gliome mit initial langsamerem Wachstum, sogenannte IDH-mutierte Grad-2-Gliome, ist für die typischerweise 30 bis 45 Jahre jungen Erwachsenen, die mitten im Leben stehen, immer ein Schock.
Wie macht sich ein diffuses Gliom erstmals bemerkbar?
Meist kommen die Patient:innen wegen eines epileptischen Anfalls in die Notaufnahme. Die Epilepsie ist jedoch nicht nur das typische Erstsymptom, sondern auch ein Leitsymptom: 60 bis 70 Prozent der Patient:innen mit einem primär langsam wachsenden diffusen Gliom leiden daran. Die Epilepsie beeinträchtigt sie im Alltagsleben, im Denken und im Wohlbefinden. Viele haben Angst vor Anfällen und bleiben vorsichtshalber zu Hause – fern von sozialen Kontakten. Andere Symptome können Persönlichkeitsveränderungen oder Verhaltensstörungen, Probleme mit Aufmerksamkeit und Konzentration, verminderte Belastbarkeit, Lähmungen, Sehstörungen, Schwierigkeiten beim Sprechen oder beim Sprachverständnis sein.
Wie wird ein diffuses Gliom diagnostiziert, und was ist die Herausforderung dabei?
Wer nach einem epileptischen Anfall in die Notaufnahme kommt, erhält in der Regel zunächst eine Computertomografie (CT) des Gehirns. Damit lassen sich akute Ursachen wie eine Hirnblutung, ein größerer Schlaganfall oder eine ausgeprägte Hirnschwellung rasch erkennen oder ausschließen. Diffuse Gliome sind im CT jedoch häufig nur unscharf abgrenzbar oder in frühen Stadien nicht eindeutig zu erkennen. Der Goldstandard in der Bildgebung ist daher die Magnetresonanztomografie (MRT). Erfahrene Neuroradiolog:innen können anhand der Bildmorphologie eine Verdachtsdiagnose stellen und Hinweise auf den wahrscheinlichen Tumortyp und das biologische Verhalten ableiten. Eine definitive Diagnose und molekulare Einordnung gelingt jedoch nur durch die histomolekulare Untersuchung von Tumorgewebe, das im Rahmen einer Biopsie oder Operation gewonnen wird. Wird ein diffuses Gliom nicht erkannt oder in seinem biologischen Verhalten unterschätzt, kann dies fatal sein. Bei einem Verdacht sollte daher zeitnah eine spezialisierte neuroonkologische Abklärung erfolgen.
Wie behandeln Sie diffuse Gliome?
Jedes diffuse Gliom verkürzt das Leben. Ziele unserer Behandlung sind deshalb, dass die Betroffenen möglichst keine epileptischen Anfälle haben, kognitiv lange funktionsfähig und kritikfähig sind und ihre Lebensqualität lange erhalten bleibt. Meist werden bei schneller wachsenden Tumoren OP, Chemotherapie und Strahlentherapie kombiniert. Studien zeigen, dass gerade die Kombination der beiden letztgenannten das progressionsfreie ebenso wie das Gesamtüberleben signifikant verlängert. Zwei Drittel der Patient:innen mit diffusem Gliom und Epilepsie sprechen auf eine anfallssuppressive Therapie an. Dahinter steckt der Zusammenhang, dass gerade langsam wachsende diffuse Gliome auch das epileptische Geschehen fördern. Gliom-Betroffene, die anfallsfrei sind, dürfen unter Einhaltung der gesetzlichen Rahmenbedingungen auch Auto fahren. Bestenfalls entscheidet ein interdisziplinäres Team gemeinsam mit den Patient:innen über die Therapie. Solche Tumorboards mit Expert:innen verschiedenster medizinischer Bereiche finden sich österreichweit. Wichtig ist dabei der offene Austausch zwischen den Mediziner:innen und Betroffenen, denn für Letztere gilt es, das Beste aus der Zeit zu machen, die ihnen bleibt. Jeder Therapiepfad ist deshalb ganz individuell.
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